Badespaß Teil 1

Heimatkunde
AULENDORF

27. August 1993                                                                                                                            Beilage zu „aulendorf aktuell“

Herbert Hasenmaile

 Römer hatten in Aulendorf schon ihren
Badespaß

Die Griechen entdeckten die Schönheit des Körpers. Aber es waren die Römer, die die Körperpflege in einem nie wieder erreichten Ausmaß kultivierten. Sie verbrauchten in ihrem täglichen Leben mehr Wasser als die meisten Europäer heute, kostbares Wasser, das über großartige Aquädukte vom schneereichen Bergland in die Städte geleitet wurde. Wenn die mächtigen Herrscher sich bei ihren Untertanen besonders beliebt machen wollten, bauten sie diesen zum Vergnügen und sich zum Ruhm Thermen, oft wahre Badepaläste, die an Pracht und Größe ihresgleichen suchen müssen. In ihnen traf sich täglich die vornehme römische Welt. Dabei wurden Politik gemacht und Intrigen gesponnen, getratscht und Skandälchen weitererzählt.
Ein römisches Badehaus wurde 1962 von den Heimatpflegern Krömer und Köhlig freigelegt. Auf die Mauerreste stieß man beim Bau der Schützenhausstraße. Die Wegbezeichnung „Am Römerbad“ erinnert an diese Ausgrabung. Bevor dieses Bad näher vorgestellt wird, soll erst einmal der geschichtliche Hintergrund mit wenigen groben Strichen skizziert werden.
Lange war die Nordgrenze Italiens  recht unsicher. Rätische Bergstämme  in den Zentralalpen überfielen immer wieder norditalienische Städte. Eine Zeitlang ließ sich Rom diese Nadelstiche gefallen, dann aber schlug die Weltmacht zu, und sie tat es mit der gleichen Gründlichkeit, wie sie alle ihre militärischen Unternehmen durchführte. Die unruhigen Alpenvölker zu unterwerfen und die Grenzen des Reiches weiter nach Norden vorzuschieben beauftragte Kaiser Augustus 15 v. Chr. seine Adoptivsöhne Drusus und Tiberius. Der Kriegszug glückte. Die Brüder stießen durch die Alpen und trafen sich am Bodensee wieder. Und nachdem die Heeresmaschinerie schon in Bewegung und man so schön am Siegen war, drängten sie gleich weiter zu den Quellen der Donau vor und unterwarfen auch die keltischen Vindeliker. Ihr Siedlungsgebiet zwischen Donau und Bodensee, das heutige Oberschwaben also, kam zur Provinz Rätien. Der Rätische Limes von Lorch bis Passau markierte den Vorstoß nach Norden und wurde jetzt die Reichsgrenze, das Land südlich davon nach militärischen Gesichtspunkten organisiert und durch Straßenbauten erschlossen. Zur Vorsicht zogen die Römer die jungen Vindeliker zu Hilfstruppen ein und verlegten diese an den Rhein, eine einfache aber wirksame Art, Unruhen vorzubeugen und das Land zu befrieden.
Im Schutz der römischen Legionen breiteten sich um die Kastelle Geschäftigkeit und Wohlstand aus, eine Art kleines antikes Wirtschaftswunder. Ausgediente Offiziere und Legionäre blieben im Lande und bauten Gutshöfe (villa rustica). 1825 wurde ein solcher an der Ebisweilerstraße ausgegraben. In der Beschreibung des Oberamtes Waldsee aus dem Jahre 1834 steht der folgende Hinweis dazu: „Unweit Aulendorf wurden im Jahr 1825 die Fundamente eines weitläufigen Gebäudes ausgegraben und hierbei zugleich verschiedene Gegenstände, als gebrannte Röhren, thönerne Gefäße, theils von gemeiner Art, theils von dem bekannten röthlichen Tafelgeschirre, und mehr-ere Geräthschaften usw. aufgefunden, welche, sowie die aus den Fundamenten erkennbare ehemalige Einrichtung, unzweifelhaft einen römischen Ursprung bekunden“.

Die Hauptgebäude der römischen Gutshöfe waren alle nach dem gleichen Grundriß mit einer Säulenhalle an der Haupteingangsseite und Eckvorbauten angelegt (oberes Bild). Auch den Ba- dehäusern lag ein einheitliches Grundschema zugrunde. Wie die Konstruktionszeichnung des Römberbades von Weinsberg muß man sich wohl auch dasjenige von Aulendorf vorstellen (unteres Bild).

Zu diesem Gutshof gehörte ganz selbstverständlich auch ein Badehaus. Wie bei der Anlage der Gutshöfe lag auch bei der Einteilung und Konstruktion der Bäder ein einheitliches Schema zugrunde mit Kalt-, Lau- und Warmbad, das sich im 1. nachchristlichen Jahrhundert herausbildete und im 2. Jahrhundert zur vorherrschen den Grundform wurde. Irgendwann während dieser Zeit ist auch das Bad in Aulendorf erbaut und eingerichtet worden.

Ausgrabungen des Römerbades in Aulendorf. Die freigelegten Mauerreste der halbrunden Wanne für das Warmbad.
Freigelegte Grundmauern des Römerbades; Länge 14,5 m, Breite des Langbaues 5 m; I. Feuerung (außerhalb] und Heizkanal; 11. Eingang, Umkleide, Toilette (?); Ill. Warmbad (caldarium); IV. Laubad (tepidarium); V. Kaltbad (frigidarium). Das Wasser spendete ein Brunnen im Obstgarten unterhalb des Schwalbenweges. Möglich ist, daß der Eingang beim Kaltbad war, denn das Baden begann in der Regel im [rigidarium. Von dort ging es ins Laubad und schließlich in den Hauptraum mit dem Warmbad.

Für ihre Bäder hatten die Römer ein gut durchdachtes Heizsystem entwickelt. Die folgende Beschreibung ist dem Buch „Die Römer in Baden Württernberg“ entnommen, aus dem auch die Abbildungen zu diesem Kapitel sind. „Die Fußboden- oder Unterbodenheizung beheizte die Räume, wie der Name sagt, von unten her. Kleine Pfeiler aus aufeinandergelegten Ziegeln oder auch massive Steinpfeiler wurden in bestimmten Abständen auf den unteren Boden gestellt. Die Höhe dieser Hypokaustpfeiler schwankte zwischen 0,40 m und 1,20 m. Auf diese Pfeiler wurden große Ziegel- oder Natursteinplatten (etwa 50-70 cm Seiten breite als Abdeckung gelegt. Diese sogenannten Suspensuraplatten bildeten die Grundlage für den eigentlichen Fußboden. Ein Gemisch von Kalkmörtel und Ziegelschlag wurde aufgetragen und auf der Oberseite fein geglättet, so daß der Boden ein terrazzobodenartiges Aussehen erhielt. In den zwischen Unterboden und eigentlichem Fußboden entstandenen Hohlraum wurde durch Kanäle heiße Luft von einem gesonderten Heizraum (praefurnium) geleitet; diese erwärmte den Fußboden. Bei den Warmbädern konnten außerdem die Wände beheizt werden. Vierkantige Röhren (tubuli) oder mit Warzen versehene Platten (tegulae mamatae) leiteten die heiße Luft vom Hohlraum unter dem Fußboden an den Wänden hoch. Durch ein Kamin, in der Regel der besseren Luftzirkulation wegen, am entgegengesetzten Ende der Heizanlage angebracht, zog die in der Zwischenzeit abgekühlte Luft ins Freie … Das für das Badebecken benötigte heiße Wasser wurde in besonders hierfür eingebauten Metallbehältern erwärmt, die unmittelbar über den Heizkanälen angebracht worden waren“.

Schema eines Hypokaustums: Die antike Heizungsanlage wurde nach dem gleichen Prinzip in allen Teilen des römischen Imperiums gebaut, also auch hier in Aulendorf. Von der Feuerstelle (1) strömte durch Heizungskanäle (2) die heiße Luft in den Hohlraum zwischen dem Untergrund und dem eigentlichen Fußboden, der aus den Tragplatten, Suspensura (4) und dem eigentlichen Fußboden (5) bestand und der von Hypokaustpfeilern (3) gestützt wurde. Mit Hohlziegeln, tubili (6), konnten auch die Wände erwärmt werden.

Die Römer ließen sich ihr Badevergnügen einiges kosten. Um Boden und Wände des Badhauses warm zu halten und immer über ausreichend heißes Wasser für das Warmbad verfügen zu können, war ein Sklave ständig mit der Feuerung beschäftigt. Lohnte sich dieser Aufwand, wenn die Römerniederlassung wahrscheinlich nur aus einem Gutshof bestand? Wirtschaftliche Überlegungen scheinen bei ihnen keine Rolle gespielt zu haben, wenn es um ihre Badefreuden ging. Vielleicht aber erfreuten sich auch noch Legionäre einer nahen Wachstation dieser Annehmlichkeiten. Ein römischer Militärposten wird seit eh und je hier vermutet. Das könnte das Vorhandensein der Hofanlage erklären. Sie versorgte die Soldaten mit den notwendigen Lebensmitteln. Wo heute das Schloß steht, soll diese Wachstation errichtet gewesen sein. Stehen die Grundmauern der mittelalterlichen Wehranlage also auf einer aus römischer Zeit? Auch dafür spricht einiges. Von dieser Anhöhe aus ist das Schussental leicht zu überwachen, durch das eine Straße vom Bodensee zur Donau führte. Es gibt also gute Gründe für die Annahme eines Außenlagers des Kastells Rißtissen hier am Oberlauf der Schussen. Das Leidliche daran ist nur, daß es bis jetzt noch keinen Fundbeweis dafür gibt. Prof. Fecker, Leiter der Schloßsanierung, darauf angesprochen, meinte nur recht lakonisch: „Wenn wir den ganzen Berghügel abtragen, lassen sich vielleicht auch noch Überreste aus der Römerzeit finden“. Mit oder ohne Legionäre, das Badhaus war der tägliche Treffpunkt um sich von der Arbeit oder dem Wacheschieben zu erholen, die neuesten Gerüchte aus dem fernen Rom und die Intrigen am Kaiserhof zu beschwatzen.
Fröstelnd erfuhren die Badenden dabei auch, daß die Barbaren nördlich der Reichsgrenze sommers nackt in den kalten Flüssen, und das ohne Rücksicht auf die Geschlechter, und winters in dampfgefüllten Erdlöchern badeten.
Diese Barbaren waren es dann, die das Aus für die römische Herrschaft in Rätien brachten. Wegen der sich immer wiederholenden Alemanneneinfälle im 3. Jahrhundert wurden viele Gutshöfe aufgegeben, und die Legionäre mußten im jahrzehntelangen Guerillakrieg eine Verteidigungsstelle nach der anderen räumen. Schließlich kontrollierten etwa seit der Mitte des 4. Jahrhunderts die Alemannen den ganzen Landstrich zwischen Donau und Bodensee, endete um diese Zeit die römische Zivilisation im „agri docurnates“, dem „vermessen, rückwärtigen“ Land. Wann die Römer ihre Niederlassung hier verließen weiß man nicht, und wird es wohl auch nie in Erfahrung bringen können. Mußten sie Hals über Kopf fliehen?

Ausgrabungen des Römerbades in Aulendorf: Einzelne Hykokaustpfeiler sind deutlich zu erkennen.

Es ist auch nicht bekannt, wann die Alemannen hier siedelten und damit die eigentliche Geschichte Aulendorfs begann. Es geschah während des 7. Jahrhunderts, vielleicht auch schon Ende des 6.
Nur das Schicksal des Badehauses läßt sich denken: Es wurde von den neuen Siedlern dem Erdboden gleichgemacht, denn die Alemannen zerstörten gründlich, was sie von den Römern vorfanden, vor allem deren Steinhäuser, die sie „wie ein Grab“ mieden.